Weihnachtsspiel mit Engel II.

Pio trampelt aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. Gleich ist es soweit. In den letzten vier Wochen haben die Kinder in der Kirchengemeinde in Rothang das Krippenspiel eingeübt und geprobt.

Pio fasst auf seinen Kopf und prüft, ob die blonde Perücke richtig sitzt. Pios Mutter hat noch einige Lamettafäden hineingeknotet, damit das Engelshaar blitzt und blinkt. Aus goldfarbenem Stoff hat Pios Mutter ein langes Gewand genäht. „Hilfst du mir mal“, stößt Pio seinen Bruder Tom an. Das Flügelpaar aus weißer Pappe lässt sich nur schwer alleine anlegen. „Das stimmt alles nicht!“ grummelt Tom vor sich hin und rückt seine Schürze zurecht. „Was ist?“ fragt Mara nach. „Das mit den Wirten“, grummelt Tom weiter. Mara nimmt die Babypuppe auf den Arm. „Wo ist mein Josef?“ ruft sie. „Eine Minute!“ ruft Pfarrer Reichelt leise. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt. Tom spuckt auf den Bühnenvorhang. „Was soll das?“ will Frau Reichelt wissen. „Das macht man so!“ behauptet Tom. „Wenn überhaupt, dann spuckt man nach der Generalprobe auf das Kostüm!“ sagt Frau Reichelt und verdreht die Augen. Die Generalprobe hat vorne und hinten nicht geklappt.


Der Vorhang öffnet sich. „Es begab sich aber zu der Zeit ...“, liest die Sprecherin. „Wo ist der Esel!“ fragt Mara leise. Frau Reichelt blickt sich hektisch um. „Lars? Wo bist du?“ Der Junge kommt aus der hintersten Ecke hervor. „Was hast du denn da an?“ fragt Frau Reichelt entsetzt. „Das Eselskostüm ist nicht mehr rechtzeitig trocken geworden“, stammelt Lars und zupft an seinem Tigerfell. „Meine Mutter hat gemeint, es ginge auch so. Das haben wir noch vom letzten Karneval dagehabt“

Die Zuschauer lachen, als Maria auf dem Tiger reitend die Bühne betritt. Sonst klappt die erste Szene sehr gut. Nach dem Vorhang werden die Häuserfassaden von Bethlehem gestellt. Die Wirte nehmen ihren Platz ein. „Als sie aber nach Bethlehem kamen, war kein Platz mehr in der Herberge frei“, liest die Sprecherin. An der ersten Tür werden Maria und Josef glatt abgewiesen. Dann öffnet Tom seine Herbergstür. „Hast du ein Bett für uns?“ fragt Maria und zeigt auf das Kissen unter ihrem Kleid. Tom schweigt. „Nein, ich bin ausgebucht!“ flüstert Frau Reichelt Tom zu. „Ich weiß!“ sagt Tom. Maria und Josef blicken verunsichert zu Frau Reichelt, die hinter dem Bühnenvorhang steht. „Aber ich bin nicht so einer!“ sagt Tom. „Das gibt es doch gar nicht, dass für eine schwangere Frau kein Platz mehr da ist. Da muss man doch Platz schaffen. Ich will die beiden nicht abweisen. Ich will sagen: `Ihr könnt meinetwegen mein Bett haben.`“ Im Publikum wird gemurmelt. „Also, Publikum“, sagt Tom und wendet sich an die Menschen in der Kirche. „Ich muss die beiden Menschen wegschicken. Aber eigentlich bin ich nicht so einer.“ Dann streift Tom seine Schürze ab und verlässt die Bühne. Das Gemurmel im Publikum wird lauter. „Vorhang“, flüstert Frau Reichelt, als Maria und Josef gerade vom dritten Wirt fortgeschickt werden. „Jetzt muss die Hirtenszene aber klappen!“ sagt Frau Reichelt.


Pio zieht noch einmal seine Perücke zurecht. Wie war doch noch sein Text? Irgendwas mit Verkündigen. Ach ja, jetzt fällt es ihm wieder ein. Patty und Eduard nehmen mit dem Engelschor ihren Platz ein. Die Hirten gruppieren sich ums gemalte Feuer. Der Vorhang geht auf. Pio kann kaum schlucken, so trocken ist sein Mund. Die Hirten beklagen sich lauthals über die Kälte der Nacht und über die Einsamkeit hier draußen vor der Stadt. Frau Reichelt gibt das Signal. In den abgedunkelten Bühnenraum hinein strahlt der helle Scheinwerfer auf und leuchtet Pio an, der leise hinter dem Vorhang hervorgetreten ist. Pio schluckt. Dann breitet er die Arme aus und ruft den Hirten zu: „Heute kündige ich ...!“
Pio stockt, als einige im Publikum kichern. Er wirft sich noch einmal in Pose. „Ich kündige also heute...!“ Das Lachen im Publikum breitet sich aus. Pio schaut irritiert hinter sich, wo Frau Reichelt gestikuliert. Weil das Lachen inzwischen laut geworden ist, kann er nicht verstehen, was sie flüstert. Irgendwas muss mit dem Text nicht richtig sein. Pio geht noch einmal im Kopf den Text durch. Das Publikum klatscht inzwischen aufmunternd Beifall. Dann fällt es Pio ein. Er stellt sich noch einmal in Pose. In der Kirche wird es ganz still. „Heute verkündige ich eine frohe Botschaft! Euch allen ist der Heiland geboren. Es ist Christus, der Herr, der in der Stadt Davids in die Welt gekommen ist!“ Pio steht noch einen Moment still da. Ein Blitzlicht durchschneidet den Raum. Dann gibt es Szenenapplaus und der Engelschor singt das Gloria.
In der Zeitung steht am nächsten Wochentag ein Artikel mit der Überschrift:

Heilig Abend in der Kirchengemeinde – Die Nacht, in der Wirt und Engel kündigten.