Zappenduster im Fabrikkeller

„Wie viele Puddingschnecken hast du bekommen?” will Tom wissen. Mara hält die beiden Papiertüten mit dem Aufdruck „Krebbers Backwaren“ hoch. „Morgen am Sonntag können die sowieso keine mehr verkaufen”, sagt sie dann. „Frau Krebber muss mir mindestens zehn Stück hinein getan haben.” Mara gibt dem Sohn vom Bäckermeister Krebber Nachhilfe in Mathe und kriegt deshalb fast alles aus der Bäckerei, wenn sie danach fragt. Eduard blickt auf seinen Zettel und streicht die Notiz „Verpflegung besorgen” durch. „Nun fehlt nur noch Pio!” sagt er. „Gleich ist es genau 14 Uhr und dann wollten wir aufbrechen.”

Patty geht schon die paar Schritte zur Straßenecke Lessingstraße/Hans-Damaschke-Ring und starrt auf den Schornstein der alten Fabrik. Das Werksgelände ist von hier aus gut zu sehen. Ein bisschen Angst hat sie doch. Was wohl hinter der Tür sein mag? „Können wir?” Patty zuckt zusammen. Sie hat gar nicht bemerkt, dass die anderen Straxe zu ihr aufgeschlossen haben. „Die Batterien der Taschenlampe waren alle” meint Pio entschuldigend. Eduard streicht die letzte Notiz auf dem Zettel durch. “Wir können!” sagt er dann.


Die fünf Kinder laufen ein paar hundert Meter den Hans-Damaschke-Ring entlang und klettern rechts den Schleichpfad hinunter. Vor dem Loch in der hohen Mauer, die das alte Werksgelände umgibt, bleibt Tom stehen. Das Loch ist direkt hinter dem Busch, neben dem der Pfahl mit dem Warnschild steht: „Betreten verboten! Einsturzgefahr. Eltern haften für ihre Kinder.“ Tom hat das Loch hinter dem Busch neben dem Warnschild vor ein paar Monaten entdeckt. Aber erst vorgestern sind Patty und Eduard auf die Tür im Keller der dritten Werkhalle gestoßen. „Eine neue Entdeckungsreise ins Werksgelände!” hatte Pio begeistert geschrien, als die Zwillinge den anderen abends im Schreberschuppen davon erzählten.


Tom schiebt die Rucksäcke mit der Ausrüstung durch das Loch. Den meisten Platz nehmen Krebbers Puddingschnecken und die Taschenlampen in den Rucksäcken ein. Mara hat noch ein paar Kerzen und ein Feuerzeug eingesteckt und Patty hat in letzter Minute an Getränke gedacht. Die sind auch ganz schön schwer. Geduckt laufen die fünf Straxe an der Mauer entlang und dann quer über den Platz zur ersten Werkhalle. Im dritten Fenster von rechts fehlt die unterste Scheibe. Tom passt gerade noch durch den Rahmen, aber er ist auch der größte der Kinder. Wasser steht in schwarzen Pfützen auf dem Boden der Werkhallen. Stahlgestänge und Kabel, Maschinenteile und Schrotthaufen versperren den Weg. „Wird Zeit, dass hier mal jemand aufräumt!” flüstert Eduard. „Ich habe ein doofes Gefühl bei der Sache”, murmelt Mara. Patty kichert albern. Alle zucken heftig zusammen, als Tom gegen ein Stück Schrott tritt, das scheppernd auf den Boden fällt. „Wir müssen noch durch die zweite Halle hindurch, um in die dritte zu kommen!” sagt Eduard. Wenn man lauter spricht, hallt es ganz komisch. Schließlich bleibt Eduard vor einem rostigen Blech stehen, das in den Boden eingelassen ist. Hinter dem riesigen Haufen Schrott ist es gar nicht zu sehen. Ein Griff ist daran und zwei Scharniere.

„Das ist sie!” flüstert Patty. „Wir haben zuerst eine ganze Menge Schrott runter räumen müssen. Sie ist trotzdem so schwer, dass wir sie nicht ganz aufklappen konnten.” „Einen kleinen Spalt haben wir aufgekriegt und gesehen, dass darunter Stufen nach unten führen.” „Packt mit an!” nickt Tom den anderen zu. Tom zieht am Griff und öffnet das Blech einen Spalt weit. Die anderen vier greifen unter das Blech und klappen es hoch. Tom greift eine Eisenstange vom Schrotthaufen und klemmt sie zwischen das Blech und den Boden. Das Blech wackelt ein bisschen auf der Stange. Ein paar Stufen führen in die dunkle Tiefe. Mara hält sich die Nase zu und verdreht die Augen. „Vorgestern hat es auch schon so gestunken”, sagt Eduard mitleidig. Er kramt die Taschenlampe aus einem der Rucksäcke hervor, beugt sich über das Loch und leuchtet die Stufen hinab. Im gleichen Moment löst sich ein Stück aus dem Schrotthaufen und rollt scheppernd in das dunkle Loch hinein. Tom greift hastig nach Eduard, der beinahe hinterher gefallen wäre. „Weit hinunter geht es nicht”, sagt Eduard. Seine Stimme zittert ein bisschen. „Das sieht nicht gut aus”, murmelt Mara. „Wir sollten nicht dort hinunter gehen!” sagt sie lauter. „Warum nicht?” fragt Tom und runzelt seine Augenbrauen dabei. „Weil es gefährlich aussieht”, sagt Mara. „Und ob wir runter gehen”, sagt Eduard. „Ich habe unsere Entdeckungsreise den ganzen Tag geplant. Jetzt sind wir hier. Also gehen wir auch runter.” „Wer dafür ist, hebt die Hand”, sagt Tom. Er und Eduard heben sofort die Hände. Patty schaut noch einmal ins Loch und hebt dann auch ihre Hand. Pio schaut verlegen zur Seite. „Was ist?”, fährt Tom ihn an. „Es ist dunkel”, sagt Pio leise. „Wir haben Lampen dabei!” erwidert Tom und stößt seinem jüngeren Bruder mit dem Ellenbogen in die Seite. Langsam reckt Pio seine Hand in die Höhe. „Ist doch wohl klar, dass wir runter gehen”, sagt Tom. Mara schüttelt leicht mit dem Kopf. „Zuerst stärken wir uns” meint Eduard und holt die Puddingschnecken und die Getränke aus dem Rucksack.


„Bleib doch hier, du Hühnchen”, sagt Tom kurze Zeit später zu Mara und beginnt, rückwärts die Stufen hinunter zu steigen. Als er dabei mit dem Rucksack an das Eisenrohr stößt, wackelt das Blech heftig. „Unten!” ruft er wenig später. Zuerst steigt Pio seinem Bruder hinterher. Dann rutscht Patty auf dem Po eine Stufe nach der anderen nach unten. Eduard wartet nicht, bis seine Schwester das untere Treppenende erreicht hat und geht hinter ihr die Stufen hinunter. Als er auf die vierte Stufe tritt, knackt es in der Treppe. Patty schreit laut auf und springt die letzten Stufen abwärts. Zu spät. Mit einem lauten Krach bricht die Treppe in sich zusammen. In das Schreien der Kinder mischt sich ein schepperndes Geräusch. An der Seite des riesigen Schrottberges neben dem Loch löst sich ein ganzer Schrotthaufen und rutscht auf das Loch zu. Einige Stücke fallen mit lautem Getöse in die Tiefe. Dann erwischt ein Stück Schrott den Eisenpfahl und reißt ihn unter dem Blech weg. Mit einem lauten Knall schlägt das Blech zu. Ein paar Teile aus dem Schrotthaufen rutschen noch darüber. Dann ist es für einen Moment ganz still. „Ist euch was passiert?” schreit Mara in die Stille hinein. Alleine steht sie in der Werkhalle.


Unten im Keller leuchtet Tom mit der Lampe hin und her. Der Staub, den die einstürzende Treppe aufgewirbelt hat, saugt jeden Lichtstrahl auf. „Ich hole Hilfe!” schreit Mara von oben. „Nein!” schreit Tom. „Was glaubst du wohl, was unsere Eltern sagen werden?” „Und wie wollt ihr da unten rauskommen?” ruft Mara. Tom leuchtet mit der Lampe in dem Kellerraum umher. So langsam legt sich der Staub. Ein Ende des Raumes ist nicht abzusehen. Eine einzige schwarze Dunkelheit wird von den Strahlen der Taschenlampen durchschnitten. Ein paar große, graue Säulen stehen in regelmäßigen Abständen vom Kellerboden zur Decke empor. Tom leuchtet zum Blech in der Decke empor, durch das sie herein gestiegen sind. „Kannst du das Blech öffnen?” ruft er nach oben. „Klar!” ruft Mara zurück. „Das schaffe ich mit meinem kleinen Finger!” Tom verzieht das Gesicht. Natürlich kann Mara das Blech nicht aufmachen. Er hat es ja selber nur einen Spalt weit aufgekriegt. Und die Decke ist zu hoch, als dass sie von unten das Blech aufdrücken könnten. „Es ist dunkel hier unten” sagt Pio leise.

„Macht die Lampen aus!” ruft Mara. „Was?” fragt Tom. „Dann können wir ja gar nichts mehr sehen”, sagt Patty und greift ihre Lampe ein wenig fester. „Erst wenn ihr sie ausmacht, könnt ihr sehen, ob es irgendwo weitergeht!” ruft Mara. „Nun spinnt sie völlig”, sagt Tom kopfschüttelnd. „Nein”, entgegnet Pio und knipst seine Lampe aus. Eduard macht es ebenso. „Warum?” fragt Tom. „Mach einfach!” sagt Pio. Zuletzt knipst Patty ihre Lampe aus. „Wenn irgendwas krabbelt oder scharrt, mache ich sie sofort wieder an!” sagt sie dazu. „Und was soll das jetzt?” fragt Tom in die Dunkelheit. „Schau, ob du Licht siehst!” sagt Eduard. Er hat verstanden, was Mara meinte. Die vier Kinder blicken angestrengt in die Dunkelheit. „Da hinten!” sagt Pio. „Da hinten scheint vor irgendwo ein Licht in den Keller. Und wo Licht ist, ...” „ ... da ist auch eine Öffnung, ein Fenster oder eine Luke”, beendet Eduard den Satz. „Gar nicht dumm!” sagt Tom leise. Das hört aber keiner der anderen. Pio leuchtet mit der Taschenlampe die nächsten Schritte weit. Immer wieder macht er die Lampe aus, um zu sehen, wo das Licht in den Keller scheint. Schließlich erreichen die vier eine Tür an der hinteren Seite des riesigen Kellers unter der Werkhalle. Sie öffnet sich knarrend in einen langen Flur, von dem rechts und links Türen in unzählige kleine Räume führen. „Hier will ich unbedingt eine Entdeckungsreise hin machen!” sagt Eduard. Tom lacht. „Aber nicht mehr heute”, sagt er. Im Flur ist es schon deutlich heller als in dem großen Keller. Pios Taschenlampe erfasst eine weitere Tür, die in ein kleines Treppenhaus führt. Pio knipst die Lampe aus. Die brauchen sie nun nicht mehr.

Licht fällt aus den Fenstern ins Treppenhaus.