Martinsabend mit Hindernissen

„Mist!“ Patty knallt die Tür von Eduards Zimmer hinter sich zu und schmeißt ihren Rucksack auf den Klavierschemel. Ihr Zwillingsbruder schreckt vom Bett hoch. Nach der Schule legt er sich immer ein paar Minuten hin, bevor er sich an die Hausaufgaben macht. Es dauert immer bis kurz nach Zwei, bevor Oma zum Essen ruft. Patty flegelt sich auf den Sessel vor dem Computertisch. „Was`n los?“ will Eduard wissen. „Der ist so blöd!“ regt Patty sich auf. Sie steht aus dem Sessel auf, schubst ihren Rucksack vom Schemel und setzt sich selber darauf. Mit einem kräftigen Tritt mit dem Fuß stößt sie sich an und dreht mehrmals um sich selbst. Das geht prima auf dem Klavierschemel. „Mach nicht so einen Stress“, grummelt Eduard. Er mag es nicht, wenn Patty Unruhe in seinem Zimmer macht. Soll sie sich doch in ihrem eigenen Zimmer aufregen. „Komm du mir nicht auch noch blöd“, giftet Patty zurück und stößt sich noch einmal ab. Eduard seufzt. „Also“, fragt er, „was ist los?“ Patty verdreht die Augen. „Ich war bei Papa in der Praxis“, beginnt sie zu erzählen. „Ich wollte ihn wegen heute Abend fragen.“ „Weil Martinsabend ist?“ fragt Eduard dazwischen. „Genau“, sagt Patty. „Er hat gerade einen Patienten dran gehabt und war am Bohren. Also hat er mir durch die Sprechstundenhilfe ausrichten lassen, dass er und Mama heute Abend zum Zahnarztkongress nach Berlin fahren.“ „Der ist doch erst morgen“, wundert sich Eduard. Patty nickt. „Sie haben Karten fürs Theater“, sagt Patty. Eduard sagt nichts mehr. Er geht durch das Zimmer und öffnet den kleinen Kühlschrank unter dem Fernseher. „Willst du ein Bitter Lemon?“ fragt er. Patty nickt. Eduard setzt sich auf die Couch. „Und nun?“ fragt er. Patty stößt sich wieder ab und dreht im Kreis herum. „Weiß nicht“, murmelt sie. „Will Oma mit auf den Martinszug gehen?“ „Weiß nicht“, sagt Patty und dreht weiter. „Wir könnten im Keller schwimmen gehen“, schlägt Eduard vor. Patty schüttelt den Kopf. „DVDs ansehen“, versucht Eduard es erneut. Patty dreht stumm im Kreis. „Tennis spielen?“ „Essen ist fertig“, ruft Oma durch die Haussprechanlage.

Eduard legt das Messer neben den Teller. Nach dem Mittagessen haben Patty und er den ganzen Nachmittag rumgehangen. Oma hat ihnen zwar vorgeschlagen, Laternen zu basteln und Martinslieder zu üben, aber schließlich sind die Zwillinge doch vor dem Fernseher hängen geblieben. Oma hat Martinsgans zum Abendessen gebraten, mit Klößen und Kraut. Eduard und Patty hatten aber keinen richtigen Hunger. Oma räumt die Teller weg und bringt aus der Küche eine große Rübe mit. „Wofür ist die denn?“ staunt Patty, als Oma die Rübe auf den Tisch stellt. „Früher ...“, beginnt Oma, als die Tür aufgeschlossen wird.
„Was macht ihr denn hier“, will Patty von ihren Eltern wissen, die mit den Koffern in den Händen in die Küche kommen. Papa reibt sich die Nase. Das macht er sonst nur, wenn er den Hochzeitstag vergessen hat. „Auto abgeschleppt“, murmelt er einzelne Worte hervor. „Im Halteverbot geparkt, wegen Martinsumzug. Erst morgen abholen, den Wagen!“ Dann legt er eine Tüte auf den Tisch. „Weckmänner“, erklärt er. „Ist ja Martinsabend.“ Mama hat sich den Mantel ausgezogen und mit an den Tisch gesetzt. „Hast du die Rübe besorgt?“ fragt sie Oma verwundert. Oma nickt. „Das ist lange her“, murmelt Mama. Eduard und Patty schauen sie überrascht an. „Früher hat Oma mir gezeigt, wie man aus Rüben Laternen schneidet“, erzählt sie dann und greift nach dem Küchenmesser. Zuerst schneidet sie den oberen Teil der Rübe ab und legt ihn beiseite. Dann schneidet sie mit dem Messer immer wieder in die Rübe hinein und holt die Rübenschnitze mit einem Löffel heraus. Schließlich ist die Rübe ganz ausgehöhlt. Papa hat sich mit an den Tisch gesetzt. Er greift nach der Rübe und schneidet geschickt einige Fenster hinein. Mama lacht. „Das konntest du früher schon gut!“ sagt sie lächelnd. „Als wir uns kennengelernt haben“, erklärt Papa, „haben wir am Martinsabend eine Laterne aus einer Rübe geschnitten und ins Fenster gestellt. So hat eure Mutter es von Oma gelernt und es mir beigebracht.“ Oma nickt. Sie hat ein Teelicht aus der Küche geholt und stellt es in die Rübe. „Du darfst den Deckel drauflegen“, sagt Mama zu Patty. Schließlich stellt Eduard die Rübenlaterne ins Fenster.
Patty schließt leise die Tür von Eduards Zimmer hinter sich. Sie tastet sich durch die Dunkelheit bis zu Eduards Bett und setzt sich auf die Kante. „Ein herrlicher Abend“, sagt Eduard leise. Patty nickt. Lange haben sie in der Küche zusammen gesessen. Mutter und Vater haben Geschichten von früher erzählt und Oma hat Kakao gemacht. Die Weckmänner haben gut geschmeckt. Drei sind noch übrig geblieben. Die haben Eduard und Patty mitgenommen, als sie zwischendurch kurz zum Schrebergarten gegangen sind, um die anderen Straxe zu treffen. Pio hat seine geheischten Bonbons geteilt. Als Eduard und Patty mit dem Beutel Süßigkeiten nach Hause gekommen sind, hat Papa eine alte Laterne vom Speicher gekramt und er und Mama haben singend in der Küche gestanden. Natürlich haben Eduard und Patty die Bonbons geteilt. Schließlich sind sie alle singend durchs Haus gezogen, sogar Oma war dabei. Als alle spät am Abend um die Rübenlaterne saßen, hat Papa gesagt: „Das sollten wir häufiger machen“ und sich dabei an der Nase gerieben. „Das war ein schöner Abend“, sagt Patty zu Eduard und geht in ihr Zimmer.