Pio, der Held

Pio tritt mit dem Fuß feste auf den gekachelten Boden in der Umkleide. Die Stollen seiner Fußballschuhe knallen richtig laut. Pio bückt sich noch mal und macht an den Schnürsenkeln rum. Doppelknoten hält besser. „Wie viele machst du heute rein?“ grinst Turbo und knufft Pio auf die Schulter. „Wir werden sehen“, entgegnet Pio geheimnisvoll und zieht sich das Trikot der Rothang-Bayern über die kurze, weisse Hose. Vor ein paar Wochen noch hat Pio die Spiele der Straßenmannschaft aus dem Werksviertel in Rothang von außen angeschaut. Sogar bei jedem Training hat er am Rand vom Bolzplatz gesessen. Zufällig hat Turbo, der Spielführer, entdeckt, dass Pio ganz gut mit dem Ball umgehen kann und hat ihn mitspielen lassen. Seitdem ist Pio voll dabei. Obwohl er der Jüngste ist, macht er die meisten Tore. Nur Turbo macht mehr rein, aber der ist ja auch schon 12.
Turbo steht im Mittelkreis und gewinnt die Seitenwahl. Heute geht es gegen die Burghausener. „Passt auf“, hat Turbo in der Umkleide noch gewarnt, „das sind ganz üble Treter!“ Düse hat genickt und sich das Schienbein unter den Stutzen gerieben. Der blaue Fleck vom letzten Spiel hat drei Wochen gehalten. Pio trabt zu seiner Position. Linksaußen. Die Burghausener machen Anstoß.
„Scheiße!“ schimpft Turbo in der Halbzeit. „Das darf doch wohl nicht wahr sein, oder?“ Tobias, der Torwart, sitzt ganz geknickt in der Ecke. Weil er mit Nachnamen Prang heißt, sagen die anderen nur Pranke zu ihm. Passt ja auch zu einem Torwart. Nur heute eben nicht. „Das war doch ein luschiger Kullerball“, schimpft Turbo weiter. „Den hättest du doch mit einer Hand haben müssen!“ Tobias nickt. „Und vorne geht auch nichts los!“ regt Turbo sich weiter auf. Pio grinst. „Was ist?“ fährt Turbo ihn an. „Ich denke, du spielst vorne?“ sagt Pio und grinst noch breiter. Düse kichert. Pranke hält sich die Handschuhe vor den Mund, damit man nicht sieht, dass er grinsen muss. Dann muss Turbo auch lachen. „Stimmt“, sagt er und winkt mit der Hand ab. „Das war nix. Das hätte meine Oma besser gekonnt!“ Turbo, Düse, Pranke, Pio und die anderen machen in der Umkleide den Rothang-Ring und schreien dabei „Einer für alle. Rein ins Tor. Rothang-Bayern – Vor! Vor! Vor!“ Dann rennen sie für die zweite Halbzeit auf den Platz.
Drei Minuten Nachspielzeit hat der Schiedsrichter gerade angezeigt. Pio schüttelt entnervt mit dem Kopf und stützt sich auf die Knie. Heute geht gar nichts. Die Burghausener steigen so hart ein, dass kein Spielaufbau möglich ist. Fünf gelbe Karten haben die schon kassiert. Und einen Elfer. Den hat Turbo ganz cool reingemacht. Unentschieden reicht aber nicht. Um den Vierercup zu spielen, müssen die Rothang-Bayern unter die ersten Vier der Tabelle kommen. Derzeit sind sie nur auf Platz fünf. Pio richtet sich auf. Düse hat im rechten Mittelfeld den Ball erobert und setzt zu einem Spurt an der Außenlinie an. Turbo sprintet mit auf den Sechzehner zu. Pio rennt los. Der Burghausener Verteidiger hält ihn zwar am Trikot fest, aber Pio kann sich mit einer geschickten Drehung losreißen. Auf der anderen Seite des Spielfeldes dribbelt Düse immer noch auf das Burghausener Tor zu. Zwei Gegenspieler hat er schon aussteigen lassen. Den Dritten schafft er nicht. Der grätscht Düse von den Beinen. Der Ball kullert Turbo vor die Füße. Der Schiedsrichter zeigt Vorteil an. Zwei Verteidiger gehen auf Turbo los. Pio zieht nach innen. „Pass!“ schreit er. Aus der Drehung heraus schiebt Turbo den Ball in den Strafraum. Der letzte Verteidiger streckt das Bein aus und trifft Pio unterhalb des Knies. Ein furchtbarer Schmerz durchzuckt das Bein. Im Fallen bringt Pio das andere Bein nach vorn und versetzt dem Ball den entscheidenden Tritt am herauseilenden Schlussmann der Burghausener vorbei. Dann schlägt er mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen auf. „Tor!“ brüllt Turbo. Die Rothangjungen rennen auf Pio zu, der sich auf dem Boden windet.
Turbo und Düse zerren ihn vom Boden hoch und tragen ihn über den Platz. „Sauber!“ sagt Turbo später in der Umkleide. „Du bist ein echter Gewinner!“