Pio, der Dieb

„Er ist weg!“ schreit Düse und hält den anderen wie zum Beweis seine Jacke entgegen. Die Taschen hat er nach außen gestülpt. Ein paar Flusen und Krümel von einem Taschentuch, das mit in die letzte Wäsche geraten ist, hängen in den Nähten. Von dem 20 Euro-Schein keine Spur. Die anderen Mitspieler der Rothang-Bayern stehen um Düse herum. Die Trikots haben sie noch an. Das gewonnene Spiel gegen die Neustädter ist aber schon vergessen. Spätestens seit Düse in der ganzen Umkleide nach dem Geldschein gesucht hat. „Und du bist dir sicher, dass du ihn dort rein gesteckt hast?“ fragt Turbo. „Na klar!“ versichert Düse. „Meine Mutter hat ihn mir vor dem Spiel noch gegeben. Ist mein Taschengeld für den ganzen Monat.“ „Und warum nimmst du ihn hierhin mit?“ fragt Pranke. „Weil Turbo und ich nachher noch Pommes essen gehen wollten.“ „Kann ja irgendwer rein gekommen sein und die Taschen durchsucht haben“, gibt Safin, der rechte Verteidiger, zu bedenken. „Kann nicht“, widerspricht Turbo. „Rollo hat den Schlüssel und schließt als Letzter zu. Ist doch so, Rollo, oder?“ Rollo nickt. Sein Vater ist der Platzwart und deshalb hat er den Schlüssel. „Ich habe zur ersten und zur zweiten Halbzeit abgeschlossen“, bestätigt er. „Außer Pio war keiner mehr drin.“ Die anderen drehen sich zu Pio um. „Was ist?“ fragt Pio. „Ihr denkt doch nicht etwa ...?“ Von den anderen Jungs sagt keiner ein Wort. „Na ja“, sagt Düse. „Letzte Woche hast du dir von mir noch einen Fünfer geliehen. Den habe ich bis heute nicht wieder!“ „Was?“ wundert sich Pranke. „Von mir wolltest du auch 2 Euro für Puddingschnecken haben.“ „Ich musste nur noch mal zum Klo!“ sagt Pio und tritt von einem Bein auf das andere. „Warum bist du so nervös?“ fragt Düse. „Ich habe dein Geld nicht genommen!“ sagt Pio. „Bestimmt nicht!“ „Das wollen wir doch mal sehen!“ entgegnet Düse und greift sich Pios Tasche. Den Inhalt schüttet er auf den gekachelten Boden. Ein Paar Socken fällt heraus, ein Tennisball und ein T-Shirt. Die Flasche mit dem Sprudel ist zum Glück aus Plastik, sonst wäre sie am Boden zersplittert. Düse schüttelt die Tasche heftig. Dann fällt ein Geldschein heraus. Schnell greift Pio danach, aber Düse ist schneller. „Was haben wir denn da?“ fragt er. Seine Augen funkeln wütend dabei. Er hält den Geldschein in der Hand. „Das ist nicht mein Geld“, sagt Pio. Seine Stimmer zittert dabei. „Klar“, sagt Düse. „Das ist meiner!“ „Nein“, sagt Pio. „Der gehört meiner Mutter. Das ist für die Freizeit mit der Kirche über Ostern. Die Anzahlung ist das!“ Keiner der anderen Jungs sagt ein Wort. „Ich glaube dir nicht!“ sagt Düse. Er steckt den Schein in die Tasche und rafft dann seine Sachen zusammen. Dann verlässt er wortlos die Umkleide. Die anderen machen es ebenso. Einer nach dem anderen greift nach seiner Tasche und geht. Zuletzt ist nur noch Turbo da. „Warum machst du auch so einen Mist?“ fragt er Pio.
Es klingt nicht böse, nur enttäuscht. Pio merkt, dass ihm die Tränen in die Augen schießen. „Aber ich habe doch gar nicht ...“ stammelt er, aber Turbo hat sich schon umgedreht und ebenfalls die Umkleide verlassen. Pio weint. Er sitzt auf seiner leeren Tasche auf dem Boden der Umkleide und weint.