Pio bleibt Pio

„Und die anderen haben geglaubt, dass ich die 20 Euro gestohlen hätte!“ stammelt Pio. Mara reicht ihm das Taschentuch und streichelt ihm über den Kopf. Sonst findet Pio das blöd, aber heute tut es ihm gut. „Den Düse verkloppe ich!“ sagt Tom laut. Als Pio gestern nach dem Spiel der Rothang-Bayern gegen die Neustädter nach Hause gekommen ist, hat er nur noch geheult. Keiner hat ein Wort aus ihm herausbringen können. Tom hat sofort bei Mara, Eduard und Patti angerufen und „99 – 10 Null Null - Leberfleck“ in den Hörer geflüstert. An dieser Geheimsprache hat Eduard ein paar Tage lang getüftelt. Alle Straxe sind pünktlich um 10 Uhr am nächsten Morgen in den Schreberschuppen gekommen und haben „Leberfleck“ geantwortet, als Tom von innen nach dem Losungswort fragte. Und nun erzählt Pio seit einigen Minuten. Von dem verschwundenen Geldschein und davon, dass die Mannschaftskameraden ihn für den Dieb halten.

„Und jetzt werde ich nie wieder bei den Rothang-Bayern spielen können“, schluchzt Pio auf. „Ich verkloppe den Düse ganz bestimmt!“ sagt Tom noch einmal und ballt dabei die Hände zu Fäusten. Ganz finster blickt er drein. „Das bringt nichts“, sagt Mara. „Was verstehst du schon davon!“ fährt Tom sie an. „Das ist Männersache. Wer meinen Bruder einen Dieb nennt, fängt sich was ein. So einfach geht das!“ Tom springt vom Sofa auf und greift nach seiner Jacke. „Der wohnt doch Schlackenweg, oder?“ Mara springt ebenfalls von ihrem Stuhl hoch. „Warte!“ sagt sie. Tom bleibt stehen. Verwundert blickt er Mara an. Ihre Stimme klingt anders als sonst. „Ich mach das!“ sagt Mara. „Und wie, bitteschön?“ mischt Eduard sich ein. „Ich sage, dass ich die 20 Euro genommen habe!“ „Aber du hast sie doch gar nicht genommen“, wundert sich Patti. „Nein, habe ich nicht“, stimmt Mara zu. „Außerdem wärst du gar nicht in die Umkleide gekommen. Pio hat doch erzählt, dass Rollo die Tür immer zuschließt“, winkt Tom ab. „Ich war in der Umkleide“, erwidert Mara. Pio schaut sie verwundert an. „Deine Mutter hat mich gebeten, dir das Handtuch zu bringen, dass du mal wieder vergessen hast. Die Tür von der Umkleide war offen, aber keiner war drin. Ich habe das Handtuch auf deine Tasche gelegt.“ Pio nickt. „Stimmt! Mein Handtuch lag auf der Tasche. Und ich habe mich schon gewundert, wie es dahin gekommen ist. Dann war ich gerade auf dem Klo, als du da warst. Ich habe die Tür nämlich ganz sicher hinter mir abgeschlossen.“ „Aber du hast das Geld nicht genommen!“ sagt Eduard. „Nein“, sagen Pio und Mara gleichzeitig. „Es macht mir aber nichts, wenn die mich für eine Diebin halten. Und Pio könnte wieder in die Mannschaft zurück“, sagt Mara. „Das würdest du für mich tun?“ staunt Pio. „Ich verkloppe den Düse lieber!“ muffelt Tom und greift nach der Klinke. „Nein!“ erwidert Mara bestimmt. „Ich werde die Sache auf mich nehmen!“ Sie greift nach ihrer Jacke und geht auf die Tür zu.


Es klopft laut. Die Straxe zucken zusammen. „Losungswort“, verlangt Tom nach einem Moment. „Hokus Pokus?“ rät eine Stimme von draußen. Pio duckt sich hinter das Sofa. „Das ist Düse!“ flüstert er. Tom reißt die Tür auf, packt Düse an der Jacke und zerrt ihn mit Wucht in den Schreberschuppen hinein. Düse stolpert und knallt längs auf den Tisch. „Was?“ knurrt Tom, tritt die Tür zu und baut sich vor Düse auf. „Ein Missverständnis“, stottert Düse und reibt sich die Seite. „Nur ein Missverständnis.“ „Warte“, sagt Mara und zieht Tom zurück. Düse nickt ihr dankbar zu. Dann schaut er sich nach Pio um. „War mein Fehler“, räumt er ein und blickt ganz betreten. „Habe ein Loch in der Jackentasche. Der Schein ist ins Futter gerutscht. Meine Mutter hat ihn gestern Abend gefunden, als die Jacke in die Wäsche sollte. Tut mir mordsmäßig leid.“ Für einen Moment ist es ganz still im Schreberschuppen. „Reicht nicht!“ knurrt Tom. „Bin ja noch nicht fertig“ sagt Düse. Dann fährt er leise fort: „Den anderen tut`s auch leid. Die stehen alle draußen und warten.“ Tom öffnet noch einmal die Tür. Am Tor zum Schrebergarten stehen die anderen Jungs. „Was ist?“ fragt Düse bittend und schaut Pio an. „Ist gut“, sagt Pio. Tom hat ausnahmsweise nichts dagegen, dass alle in den Schreberschuppen kommen. Schließlich hat Düse von seinen 20 Euro Puddingschnecken bei Bäcker Krebber gekauft.