Versöhnung in der Badewanne

„Hau ab, du Blödmann!”, schreit Pio seinen Bruder Tom an. „Wer ist hier der Blödmann?”, schreit Tom zurück und tritt nach Pio. Pio springt zur Seite. „Mach das nicht noch mal!” schreit er. Tom tritt wieder nach Pio. Dieses Mal trifft er gegen das Schienbein. Pio schreit auf und schlägt auf Tom ein. Tom heult auf und hält sich den Kopf. Dann stürzt er sich auf seinen jüngeren Bruder. Verbissen klammern sich beide aneinander fest und wälzen sich über den schlammigen Boden. Tom beißt. Pio schlägt. Tom schreit auf, als sie in die beiden Fahrräder rollen, die sie ein paar Meter weiter abgestellt hatten, und diese über die beiden Jungen fallen. Der Lenker schlägt Pio ins Gesicht. Mitten auf das rechte Auge. Er lässt von seinem Bruder ab und kauert sich wimmernd auf dem Boden zusammen. „Das hast du nun davon, du Blödmann!”, schreit Tom und springt auf. „Und jetzt gehe ich und erzähle Mama, dass du Streit angefangen hast!” Pio trottet hinterher und hält sich das Auge. Die Räder bleiben im Matsch liegen.


„Wie seht ihr denn aus?”, sagt Mama entsetzt, als sie die Tür öffnet. Toms T-Shirt ist zerissen und er ist über und über mit Schmutz bedeckt. Pio steht ein paar Schritte hinter ihm und sieht nicht besser aus. Das eine Auge ist ganz rot und angeschwollen. „Was habt ihr bloß gemacht?”, schüttelt Mama den Kopf. Tom und Pio schauen sich nicht an. „Ich lasse euch Wasser einlaufen. Vor lauter Schmutz kann ich ja nicht mal sehen, ob ihr verarztet werden müsst.” „Ich geh nicht mit dem in eine Wanne!”, sagt Pio, als Mama das Wasser einlässt. „Und ich nicht mit dem!”, setzt Tom nach. „Ich will nichts hören!”, sagt Mama und zieht die Augenbraue hoch. „Ab jetzt, rein ins Wasser!”


Pio kauert sich an das eine Ende der Wanne, Tom an das andere. Das heiße Wasser tut gut, aber es brennt auch in den Kratzern auf Armen und Beinen. Mama ist in die Küche gegangen. Als Tom sich mit den Händen Wasser schöpft und über das Gesicht laufen lässt, packt Pio zu und drückt den Kopf seines Bruders nach vorne unter Wasser. Prustend taucht Tom wieder auf. „Spinnst du?” Pio grinst. Tom greift mit beiden Händen Pios Kopf und drückt ihn ins Wasser. Pio blubbert. Das hört sich so lustig an, dass Tom laut lachen muss. Pio taucht auf und muss auch lachen. „Los”, sagt er, „wer länger unten bleiben kann.” Beide holen tief Luft und tauchen unter. Pio lässt kleine Luftblasen aus dem Mund perlen und hält sich die Nase zu. Tom schließt die Augen. Ein ganzer Luftschwall kommt aus seiner Nase. Pio wird ganz rot im Gesicht. Tom macht die Augen wieder auf. Gleichzeitig tauchen beide aus dem Wasser auf. „Unentschieden!”, schnauft Pio und nickt zufrieden. „Unentschieden!”, prustet Tom. „Seid ihr so weit?”, fragt Mama und hält zwei Handtücher hin. „Guck mal”, staunt Pio. „Der ganze Schmutz ist im Wasser geblieben.” „Ganz braun ist es geworden”, stimmt Tom zu. „Soll ich Pflaster holen?”, will Mama wissen. „Nicht nötig”, sagt Tom und wischt sich mit dem Handtuch über den blutenden Kratzer am Bein. „Und dein Auge?”, fragt Mama. „Halb so wild”, sagt Pio und tupft eine Träne ab. „Es tränt nur ein wenig.” „Komm!”, sagt Tom. „Wir müssen die Räder noch holen.”